Rainer Hundsdörfer: Der Markt kommt zurück

(Exklusivgespräch) Am Rande des Kunden-Events »It’s Showtime« Ende Juni hatten wir die Möglichkeit, mit dem CEO von Heidelberg, Rainer Hundsdörfer, über die aktuelle Lage, die neue Strategie und Produktneuheiten wie etwa die Speedmaster CX 104 zu sprechen. Wie immer hatte Hundsdörfer auch ein paar Überraschungen parat. Text: Knud Wassermann

Rainer Hundsdörfer

Zuletzt hatte ich Rainer Hundsdörfer beim »Online Print Symposium« im Februar 2020 in München getroffen. Damals waren ihm die Situation des Unternehmens und die damit verbundenen Anstrengungen ins Gesicht geschrieben. Heidelberg war schwer angezählt, befand sich, wenn man ein medizinisches Bild heranziehen möchte, auf der Intensivstation. Gemeinsam mit seinem Team arbeitete er fieberhaft an einem umfassenden Transformations- und Restrukturierungspaket. In Zukunft will man sich konsequent auf das profitable Kerngeschäft im Offsetdruck fokussieren. Unprofitable Geschäfte wurden geschlossen, wie etwa die Entwicklungen rund um die Primefire und den »Offsetdruck im Großformat«, und weltweit wurden bis zu 2.000 Stellen abgebaut.

Der Funnel hat sich deutlich gefüllt
15 Monate später kann man sagen, dass die Maßnahmen gegriffen haben und sich auch in den nackten Zahlen widerspiegeln. Hundsdörfer meinte, dass man die Intensivstation schon seit längerer Zeit in Richtung Reha verlassen habe und jetzt kurz vor der Entlassung stehe. »Wir werden dieses Jahr die Gewinnschwelle überschreiten. Es gibt Anzeichen dafür, dass unsere Kunden und in weiterer Folge auch wir einen Post-Corona-Boom erleben werden«, erklärt Hundsdörfer mit tiefster Überzeugung. Im Akzidenzbereich werde die Druckindustrie das Vor-Corona-Niveau mit Sicherheit nicht mehr ganz erreichen. Hier rechnet der Heidelberg-CEO mit einem Rückgang des Druckvolumens von rund zehn Prozent. Die Pandemie beschleunige Trends, die sich sowieso schon seit Jahren abgezeichnet haben. Deutliche Potenziale für ein nachhaltiges Wachstum und Wertsteigerungen sieht Heidelberg in Zukunft vor allem im Verpackungsdruck, bei digitalen Geschäftsmodellen, in China und mit neuen Technologieanwendungen wie beispielsweise der Elektromobilität oder gedruckter Elektronik.

»Allerdings wurden sowohl im Akzidenz- als auch im Verpackungsbereich viele Investitionen der Druckereien aufgeschoben.« In den letzten Monaten habe sich der »Funnel« (Verkaufstrichter) wieder deutlich gefüllt. Dieser Umstand habe dazu geführt, dass jetzt die Herausforderungen eher auf der Beschaffungsseite als im Verkauf liegen. Ein Phänomen, mit dem fast alle Industriezweige zu kämpfen haben. Für das Geschäftsjahr 2021/2022 rechnet Heidelberg mit einem Umsatzanstieg auf mindestens 2 Mrd. € (1,9 Mrd. 2020/2021), und nach vielen Verlustjahren soll erstmals ein kleiner Nachsteuergewinn verbucht werden.

»Wir haben gelernt zuzuhören«
Im Zuge des Umbaus habe Heidelberg die gesamte Organisation neu aufgestellt und gelernt, die Geschäftsmodelle und Herausforderungen der Kunden besser zu verstehen. »Früher haben wir den Kunden erklärt, was für sie gut ist. Heute gehen wir verstärkt in den Dialog mit unseren Kunden und schauen uns intensiver gemeinsam an, welchen Beitrag Heidelberg leisten kann, um deren Unternehmensentwicklung nachhaltig voranzutreiben.« Von der Vorstufe bis zum Druck ist der Workflow in den meisten Betrieben schon heute gut organisiert, einen Optimierungsbedarf sieht Hundsdörfer in der Weiterverarbeitung, Lagerhaltung und Verbrauchsmaterialversorgung auf dem Weg zu einer effizienten End-to-End-Produktion. Hier werden Cloud-Lösungen in Zukunft eine wichtige Rolle spielen, um den Workflow up to date zu halten. »Damit helfen wir unseren Kunden, profitabler und wettbewerbsfähiger zu sein, und treiben damit natürlich die Konsolidierung  voran.« Hier versuche man durch IT-Lösungen, Dienstleistungen, Verbrauchsmaterialien und verschiedene Subskriptionsmodelle gegenzusteuern, um den Umsatzverlust auszugleichen.

Ein Technologieunternehmen
Grundsätzlich entwickle sich Heidelberg von einem reinen Druckmaschinenbauer zu einem Technologieunternehmen. Das Kerngeschäft bilden nach wie vor Lösungen für den Akzidenz- und Verpackungsdruck, die jetzt in unterschiedlichen Unternehmenseinheiten angesiedelt sind. »Denn die jeweiligen End-to-End-Workflows unterscheiden sich fundamental.« In dem Segment »Technology Solutions« werden alle neuen Geschäfte, wie etwa Ladegeräte für die E-Mobilität oder gedruckte Elektronik, zusammengefasst. Dieser Bereich sei essenziell, um die Ressourcen in allen Business-Units in der gewohnten Tiefe mit eigener Steuerungselektronik, Sensorik, Big Data, Cloud, Künstlicher Intelligenz und vielem mehr langfristig optimal auszulasten und zu finanzieren.

Angesprochen auf die Erfolgsgeschichte mit der Ladetechnologie für Elektrofahrzeuge meinte Hundsdörfer durchaus selbstkritisch: »Die Leistung des Vorstands bei dem Thema Wallboxen war, dass wir es ausprobiert haben.« Er sieht darin aber auch eine Blaupause für den Aufbau weiterer wachstumsgetriebener Geschäftsfelder. So konnte das Unternehmen beispielsweise den Umsatz im Bereich E-Mobilität mit der Heidelberg Wallbox im vergangenen Geschäftsjahr auf über 20 Mio. € mehr als verdoppeln und baut, getrieben von einer dynamischen Nachfrageentwicklung, die Kapazitäten weiter massiv aus.

Packaging über das bestehende Portfolio hinaus
Der Bereich Packaging wächst weltweit in einer Größenordnung von rund 2 Prozent p.a., und da wird noch einiges dazukommen, denn das Thema Kunststoffvermeidung sei ja nicht vom Tisch, so Hundsdörfer. Hier benötige es Low-Migration-Farbsysteme, grundsätzliche Recycling-Fähigkeit der Verpackungen und weitere Automatisierungsschritte, denn auch die Verpacker stehen unter enormem Kostendruck. Hier arbeite man auch an Lösungen, die über das bestehende Portfolio hinausgehen. Am deutschen Standort Weiden, der zu Gallus gehört, wurde während der Pandemie eifrig an der Entwicklung einer neuen Breitbahn-Flexo-Rotation gearbeitet. In Kombination mit einer rotativen Stanze mit einer Bahnbreite von über 150cm lassen sich etwa Faltschachteln in großen Auflagen produzieren, aber das Ganze um 20 Prozent günstiger als im Offsetdruck. »Mit den neuen Angeboten und zumindest für uns neuen Technologien bin ich mir sicher, dass wir ein überproportionales Wachstum verzeichnen werden«, betont Hundsdörfer.

Insofern könnte man ja fast von einem Glücksfall sprechen, dass der Verkaufsdeal für Gallus am Ende platzte. Der CEO dazu: »Wir wollten Gallus nicht verkaufen, aber die damaligen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die Aussicht auf einen Verkaufserlös von 120 Millionen Euro zwangen uns zu dem Schritt.« Das Restrukturierungsprogramm habe man mit aller Konsequenz durchgezogen, was mittlerweile auch die Börse goutiert hat, und so sei es kein Drama, dass der Deal nicht zustande kam. Vor allem der digitale Etikettenmarkt sei von einem starken Wachstum getrieben. Hier arbeite man weiter an Innovationen. Grundsätzlich möchte Hundsdörfer, dass Gallus in Zukunft unabhängiger agiert. »Ich will Unternehmer, die Verantwortung übernehmen und Gallus aktiv leiten.«

Technologietransfer aus der Premiumklasse
Aus dem vorher skizzierten Dialog mit den Kunden ist auch die Speedmaster CX 104 entstanden. »Wir haben die Innovationen aus unserer Premiumklasse, der Speedmaster XL 106, genommen und sie in unsere neue Universalmaschine, die CX 104, transferiert und mit Neuentwicklungen Akzente gesetzt.« Ein Beispiel dafür sei das neue Lackwerk, mit dem man eine absolute Benchmark in der Branche gesetzt habe. Bis zu 75 Prozent Zeitersparnis beim Rasterwalzenwechsel in Verbindung mit einer Ein-Personen-Bedienung haben sich bereits bei Pilotkunden unter Praxisbedingungen bestätigt. Die lasergravierten Rasterwalzen sollen zu homogenen Lackoberflächen und gleichmäßigen Glanzwerten führen.

Die CX 104 verfüge über ein attraktives Preis-Leistungs-Verhältnis, gerade bei Anwendungen, wo nicht immer die absolute Topleistung einer XL 106 benötigt werde. »Mehrere europäische Pilotkunden in den unterschiedlichen Marktsegmenten arbeiten bereits erfolgreich mit unserer neuen Lösung und berichten von Produktivitätssteigerungen um bis zu 20 Prozent.« Schon vor der offiziellen Präsentation konnte das Unternehmen 500 Druckwerke weltweit verkaufen. »Ein Verkaufserfolg, der rein auf der Marke Heidelberg und den Spezifikationen beruht. Das macht mich sehr zuversichtlich.«

Digitalkompetenz in Wachstumsbereichen ausbauen
Da Heidelberg im tonerbasierten Digitaldruck seit vielen Jahren eine Vertriebskooperation mit Ricoh pflegt, drängte sich natürlich auch die Frage auf, ob man auch die angekündigte B2-Inkjetdruckmaschine in das Portfolio aufnehmen wird. Es sei ein interessantes Thema, mit dem man sich durchaus auseinandersetze. Die Lösung müsse aber in puncto Zuverlässigkeit, Produktivität und Druckqualität den Standards von Heidelberg entsprechen. »Ein weiterer Punkt sind auch die Kosten. Mit der Primefire haben wir lernen müssen, dass die beste Technologie nichts nützt, wenn die Kosten und hier vor allem die laufenden Kosten zu hoch sind, denn dann gibt es keinen Markt. Egal, was alle Studien dazu sagen«, so Hundsdörfer. Grundsätzlich werde man die Digitalkompetenz  in den Wachstumsbereichen weiter ausbauen und im Portfolio integriert anbieten. Aktuell konzentriere man sich im Konzern neben den Versafire Systemen auf den Wachstumsmarkt des digitalen Etikettendrucks.

www.heidelberg.com

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