Megatrends – ein Modell des Wandels

Lena Papasabbas verantwortet beim Zukunftsinstitut die Megatrend Dokumentation. Seit fünf Jahren arbeitet sie an der Weiterentwicklung des Megatrendsystems. Im Interview erklärt sie, warum Megatrends wirklich alle Branchen betreffen und welcher Megatrend zuletzt den größten Sprung machte.

Megatrends

Per Definition des Zukunftsinstituts gibt es 12 Megatrends. Was macht gerade diese 12 Trends so „mega”?
Lena Papasabbas: Mega sind sie, weil sie so allumfassend wirken. Egal, welchen der 12 Trends Sie sich herauspicken, er wird mit großer Wahrscheinlichkeit Ihr persönliches sowie Ihr berufliches Leben auf die eine oder andere Weise beeinflussen. Megatrends nennen wir die langfristigsten und grundlegendsten Veränderungsprozesse, die unsere Gesellschaft und Wirtschaft prägen.

Warum ist eigentlich Künstliche Intelligenz kein Megatrend?
Papasabbas:
Künstliche Intelligenz ist ein mächtiger Technologietrend, der viele Branchen verändert, manche Bereiche sogar revolutioniert. Aber für das „mega“ reicht es trotzdem nicht. Megatrends sind definiert als global wirksam, universal – also alle Lebensbereiche betreffend und komplex – und immer in mehrere Richtungen dynamisch. KI erfüllt diese Bedingungen nicht, sondern ist ein Subtrend des Megatrends Konnektivität, der die Vernetzung als Grundprinzip der Wirtschaft und Gesellschaft, inklusive Digitalisierung und KI, aber auch darüber hinaus beschreibt.

Wie starr bzw. veränderbar sind diese 12 Megatrends? 
Papasabbas: Die Megatrends sind beständiger als man denkt. Die Pandemie hat viele unserer Prognosen und Theorien herausgefordert. Konsumtrends und Märkte haben sich schlagartig verändert. Die Frage, wie unser Megatrendsystem von diesem Bruch mit der Norm beeinflusst wird, hat uns ausgiebig beschäftigt. Überraschenderweise hat aber selbst dieses Großereignis keinen Megatrend in seinen Grundfesten erschüttert. Natürlich hat sich unterhalb der Megatrendebene viel verändert. Gerade wenn man sich die Subtrends bei Mobilität und Globalisierung ansieht.

Die Megatrends sind aber nicht als einzelne Strömungen zu verstehen, vielmehr bilden sie ein Gesamtsystem. Was bedeutet das konkret? 
Papasabbas: Die Megatrends bilden nicht die Realität ab. Sie sind ein Modell des Wandels. In dem Sinne sind sie auch eine sehr starke Vereinfachung von extrem komplexen Prozessen. Genau das macht ja ihren Zauber aus. Sie machen Dinge verstehbar, die an Komplexität und Vielschichtigkeit sehr schwer zu greifen sind. Die Beschäftigung mit dem Megatrendsystem kann dazu führen, dass man versteht, warum ein bestimmtes Produkt floppt oder warum manche Konsumtrends entstehen. Sie kann aber mehr als das: Sie erhöht das Verständnis für Komplexität und Wandel insgesamt.

Die Darstellung der Megatrends als trennscharfe Einzelströmungen ist eine starke Vereinfachung, die jedoch diesen Erkenntnisgewinn erst möglich macht. In Wirklichkeit beeinflussen sich Trends und Megatrends ständig gegenseitig, überlappen sich, bremsen sich aus, bilden Synergien und Gegentrends. Zum Beispiel ist der Gender Shift, der die Auflösung tradierter Geschlechterrollen beschreibt, eng verwandt mit der Individualisierung. Beide Trendbewegungen haben sich in der Vergangenheit stark gegenseitig befeuert. Die Individualisierung hat aber zum Beispiel auch dazu geführt, dass sich viele Menschen einsam fühlen und weniger zugehörig, was zur Folge hat, dass in manchen Gruppen in der Gesellschaft eine neue Sehnsucht nach traditionellen Familienmodellen entstanden ist. Was wiederum eine Grunddynamik des Gender Shifts ausbremst und sogar zu Gegentrends führt. Alle Megatrends beeinflussen sich gegenseitig.

Das heißt, egal ob ich im Finanzsektor tätig bin, einen Tourismusbetrieb führe oder Waren des täglichen Bedarfs herstelle … Ich sollte mich immer auch mit Gesundheit, Gender Shift, Silver Society etc. auseinandersetzen? 
Papasabbas: Absolut. Zumindest von Zeit zu Zeit lohnt sich ein Blick über den Tellerrand hinaus auf alle 12 Megatrends. Nicht immer ist unmittelbar klar, wie ein Megatrend Ihre Branche beeinflusst. Wenn Sie zum Beispiel Zulieferer von Autoteilen sind, liegt es nicht unbedingt nahe, sich mit dem Gender Shift zu beschäftigen. Wenn Sie das jedoch nicht tun, bemerken Sie vielleicht zu spät, dass sich die Bedürfnisse Ihrer Mitarbeiterschaft verändert haben. Immer mehr junge Männer wollen aufgrund des Gender Shifts in Elternzeit gehen oder in Teilzeit arbeiten und brauchen eine gewisse Unternehmenskultur, die sie dazu ermutigt, diese Wünsche auch zu äußern. Immer mehr junge Frauen verlangen proaktives Engagement vom Arbeitgeber in Richtung Female Leadership, immer mehr Menschen reagieren empfindlich auf fehlende Diversity …. und plötzlich ist Ihre Unternehmenskultur verstaubt und ihre Chancen im War for Talents stehen schlecht.

Oder vielleicht sind Sie in der Softwareentwicklung tätig. Was interessiert Sie da zum Beispiel Silver Society? Bei näherer Beschäftigung mit dem Megatrend wird aber klar, dass Silver Society mittelfristig zu völlig neuen Needs in der Gesellschaft führt – angefangen von anderen Ansprüchen an die UX in Richtung Universal Design, um beispielsweise schlechteres Seh- und Hörvermögen auszugleichen. Die genauen Zusammenhänge und Wirkungen der Megatrends auf bestimmte Bereiche sind zumeist nicht offensichtlich. Diese Erkenntnisse zu ermöglichen ist eine unserer Kernaufgaben als Zukunftsinstitut.

Die Megatrend-Map bildet dieses System ab und ähnelt dabei einem U-Bahn-Plan. Was lässt sich daraus lesen? Wohin führt mich dieser Plan?
Papasabbas: Die Megatrend-Map bietet den maximalen Zoom-Out. Ich finde den Blick auf die Map beinahe beruhigend; man hat einmal alles im Blick. Wenn man näher herantritt, merkt man aber, dass selbst die Map noch komplex ist. Die Linien führen Sie durch alle „Haltestellen“, also alle wichtigen Subtrends, und zeigen Ihnen zentrale Überschneidungen auf. Manche Trends sind vielleicht bekannt, andere überraschen und regen zum Nachdenken an. Über jeden einzelnen Subtrend lassen sich ganze Studien verfassen, was wir ja auch regelmäßig tun.

Welche Verschie­­­bungen hat es in den letzten Jahren hinsichtlich der Bedeutung einzelner Megatrends gegeben und welche Verschiebungen sind zu beobachten bzw. zu erwarten?
Papasabbas: Veränderungen gibt es innerhalb jedes Megatrends. Den größten Sprung hat, denke ich, der Megatrend Individualisierung gemacht. Ich würde behaupten, dass die Individualisierung in ihrer Dynamik in Richtung Selbstverwirklichung und Pluralismus bald einen Peak erreicht hat. Das heißt nicht, dass dann der Megatrend von der Map verschwindet. Er verändert sich aktuell aber so stark, dass man vielleicht über eine Umbenennung nachdenken muss. Viele ehemals individualistische Strömungen und Tendenzen entwickeln sich in Richtung des Co-Prinzips, also Co-Working, Co-Living, Co-Creation – das Wir wird im Vergleich zum Ich immer häufiger priorisiert. Vielleicht sprechen wir also bald vom Megatrend Co-Individualisierung. Pluralismus ja, aber weniger auf Individuen bezogen, sondern stärker auf Mikro-Communities, Werte-Gemeinschaften und Neo-Tribes.

Welchen Megatrend finden Sie persönlich am interessantesten?
Papasabbas: Längere Zeit war mein Lieblingsmegatrend die Neo-Ökologie. Zum einen, weil dieser Megatrend einen so wünschenswerten Wandel beschreibt, zum anderen, weil er so durch und durch spürbar wurde in den letzten Jahren. Mein aktueller Favorit ist der Gender Shift. Der Gender Shift ist ein eher zäher Megatrend, aber er nimmt seit wenigen Jahren so richtig Fahrt auf. #Metoo war der Anfang eines neuen globalen Bewusstseins für die Bedeutung von Geschlechterrollen und die komplizierten Verstrickungen mit Ungleichheit. Heute poppt das Thema überall auf, es emotionalisiert, entwickelt verschiedene, teilweise heftige Reaktionen. Ich beobachte viel Reibung – und wo Reibung entsteht, da entsteht Wandel. Das interessiert mich natürlich besonders.

In Welchen Megatrend würden Sie investieren?
Papasabbas: In jeden einzelnen der 12 Megatrends. Im Vergleich zu Mode-, Konsum- und Technologietrends kann man bei den Megatrends sicher sein, dass sie uns noch viele Jahre beschäftigen werden.

 

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