Journalismus in der «Virtual Reality“

(dpa) Für viele Medien geht das Zeitalter des „Text only“ zu Ende. Neue Darstellungs- und Erzählformen sind zwingend und begehrt. Die „New York Times“ geht aufregende erste Schritte in die virtuelle Realität. Fortschritt und Hoffnung ruhen in einer Schachtel. Mit dem Smartphone. Auf der fiebrigen Suche nach neuen Erzählformen ist die kastige Konstruktion des Google Cartboard eine Art medialer Meilenstein aus Pappe.

Die „New York Times“ stellt über diesen Guckkasten erste Inhalte in virtueller Realität dar. Die Zukunft kommt zwar noch ein wenig wie im Selberbau bei „Yps“ daher: Dennoch sind die Eindrücke beim Zusehen, -hören und Erleben sehr intensiv. Durch einen Text ist diese Intensität schwer zu erzeugen.

Eines der ersten VR-Projekte der „New York Times“ war eine Trauerszene in Paris nach den entsetzlichen Terroranschlägen: Video über die App laden, Kopfhörer aufsetzen, die Pappschachtel mit ihren kleinen Linsen (wegen des 3D-Effekts) ans Gesicht drücken, Film ab − und tatsächlich ist man mitten in Paris, seinem Sound, bewegt sich wie live im 360-Grad-Panorama. Das Senken des Kopfs lenkt den Blick aufs Pflaster. Wer sich dreht, kreist in einem Blumenmeer. Den Kopf mit dem Cartboard gehoben: Oben der graue Himmel.
 
Die „New York Times“ ist nicht das einzige US-Medium, das sich im Virtuellen ausprobiert, ein gutes Dutzend anderer Unternehmen tut das hierzulande ebenfalls, unter anderem Gannett, PBS, Vice und das „Wall Street Journal“. Aber die „NYT» ist besonders erfolgreich. Im November gestartet, wurde ihre VR-App in den ersten vier Tagen öfter geladen als jede andere der Times zuvor. Zum Vergleich: Bisher hielt die Koch-App den Rekord, 300 000 Downloads in vier Tagen.
 
„Für uns ist das ein ganz entscheidender Punkt“, sagt Andy Wright von der „NYT» zu „Politico“. „Es ist der Moment, wo sich virtuelle Realität für viele, viele Leute zu normalisieren beginnt.“ Die Partnerschaft zum mächtigen Google-Konzern und seinem Cartboard ist da natürlich hilfreich. Finanziert werden die teuren VR-Projekte der Times auch über gesponserte Videos (Mini, General Electric).
 
Von Martin Bialecki, dpa

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